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    ​Da sie sich weigerten, freiwillig ein selbstbestimmtes Leben anzugehen, war es nur logisch, dass wir die Frauen zwingen mussten, sich von der Unterjochung durch Männer und Kinder freizumachen. Die Abtreibungsfrage war der perfekte Ansatz dazu. Hier konnten wir am erfolgreichsten eingreifen. Das Beste daran: die staatliche Finanzierung. Und dass wir tun und lassen können, was wir für richtig halten. Die Absprache mit den zuständigen Ministern lautet, dass sie sich weigern, uns zu kontrollieren, wie es vom Gesetzgeber her eigentlich vorgesehen ist. Das wissen alle.

     

    Die Träume wiederholen und wiederholen sich

     

    Seit Jahren gehe ich zu Frau Dengler zur Aufarbeitung dessen, was ich nicht mehr runterschlucken kann. Ihrem Rat folgend schreibe ich eine Beratungsgeschichte auf, die sich mehr oder weniger bei allen Paaren so abspielte. Nur mit dem Unterschied, dass die Ehefrau mir nach der Abtreibung keine Ruhe ließ. Es schwer war, sie abzuschütteln. Besuche und Anrufe von ihr waren häufig an der Tagesordnung. Die Geschichte ist mir immer noch so präsent, dass ich nachts davon träume und aufwache. Die Träume wiederholen und wiederholen sich. Das Niederschreiben und das Veröffentlichen könnte helfen. Ich hoffe es. Ich habe selbst nie abgetrieben, habe mir aber immer vorgenommen, es im Falle eines Falles  unbedingt zu tun. Meine jeweiligen Lebenspartner akzeptierten dies und freuten sich über meine klare Haltung. Nun will ich aber Ross und Reiter nennen.
     

    Es war einer der wenigen lauwarmen Frühlingstage in diesem Jahr, als Frau H. mich anrief und ich ihr einen Termin zur Schwangerschaftskonfliktberatung gegeben habe. An den schönen Tag erinnere ich mich ungern. Es ist mir unangenehm, etwas Schönes mit etwas Unschönem zu verbinden.

    Frau H. war forsch am Telefon, sehr selbstbewusst, beinahe herrisch. Das ärgerte mich, ich weiß nicht, warum. Ich erlaubte ihr, ihren Mann mitzubringen. Aber Hauptsache war, dass wir Termine hatten. Nach Ansicht unserer Chefin hatten wir davon insgesamt zu wenige und so freute ich mich über jedes geplante Gespräch.

    Es regnete, als die zwei vor mir saßen. Offensichtlich zerstritten. Sie schaute ihn mit bösen Blicken immer wieder so von der Seite an, er kniff den Mund zusammen und schwieg. Die typische Situation. Also auf in den Kampf, machen wir es kurz.

     

    ​​​​​​Frau H. griff sofort nach dem Beratungsschein, der auf dem Tisch lag. Ich erklärte ihr, dass ich den Namen noch eintragen könne. Sie könne es aber auch selber. Sie fauchte ihren Mann an: „Mach Du das, Du willst es doch nicht, Du kümmerst Dich doch nur um Dich!“, knallte ihm das Papier hin, das daraufhin vom Tisch herunter raschelte. Ich hob das Papier auf und übergab es Herrn H. Er nahm es, schaute an mir vorbei und sagte „Du bist doch hier diejenige oder wie seh‘ ich das?!“, faltete sorgfältig den Schein zusammen und steckte ihn in die innere Jackett-Tasche.

    ​In Ordnung, das scheint schneller vorbei zu sein als üblich und so setzte ich mich erst gar nicht wieder hin – Frau H. fuhr mich an:  „Sie haben mir gesagt, dass Sie heute Abend Ihre offene Sprechstunde haben und dass wir eine Schwangerschaftskonfliktberatung anschließen können! Also bitte beraten Sie uns jetzt! Schließlich heißen Sie 'pro familia'!“ Sie sprach den Namen so aus, als handele es sich dabei um Gift. Ehe ich antworten konnte, legte sie gleich nach: „Wieso heißt das offene Sprechstunde? Wo sind die anderen Frauen, die anderen Paare?! Hat sonst keiner nötig, hierherzukommen?!“ In dieser Weise fuhr sie eine ganze Zeit lang fort, deutlich wütend. Auf wen? Ich sagte ihr natürlich nicht, dass wir die so genannte offene Sprechstunde eingeführt haben, um mehr Klientinnen zu bekommen, es kamen einfach zu wenige und auf diese Weise gelang es uns, die eine oder andere Besucherin zur Abtreibung zu bewegen. So unterbrach ich Frau H.s Ausbruch irgendwann und fragte sie: „Was macht Ihnen denn eigentlich solche Angst? Haben Sie Angst vor dem Schwangerschaftsgewebe?“ Sie schaute mich an, schnappte nach Luft, immer noch wütend und hielt mir heftig vor, dass sie ‚natürlich‘ keine Angst vor dem Baby habe, wohl aber vor dem pubertierenden Halbwüchsigen, mit dem sie dann wahrscheinlich nicht klarkäme.
     

    „Das geht allen Frauen so“, erklärte ich ihr, „erst haben sie Angst vorm Schwanger-sein dann vor der Geburt, dann Angst vor dem Schwangerschaftsgewebe – es ist übrigens noch gar kein Baby. Dann haben sie Angst, welche Schule sie aussuchen sollen. Ob der Partner sich in der Zwischenzeit hat scheiden lassen oder etwa fremdgeht. Versagensängste sind in Ihrem Zustand etwas ganz Normales und sie zeigen vor allem eines, dass Sie das Kind ablehnen. Sie sollten so schnell wie möglich einen Abtreibungstermin vereinbaren. Sie sollen und müssen sich ernst nehmen. Gerade jetzt!“

    „Sie haben ein Recht auf Abtreibung"

     

    Die ganze Zeit schaute ich nur sie an, ich war mir sicher, dass der Mann sowieso den Abbruch wollte. Plötzlich war ich überrascht davon, dass ich tief in mir drin den Schrecken wahrnahm, den meine letzten Worte in ihr auslösten. Das verstärkte meinen Ärger, sie war offensichtlich dabei, zickig zu werden. „Schwangerschaftserpresserinnen“ nennen wir sie. „Wie?!“, fragte sie, Tränen in den Augen, „ich dachte, weil wir verheiratet sind, ist es verboten abzutreiben, dass das nur geht, wenn das Kind behindert ist?“

    „Das stimmt nicht und es ist doch noch gar kein Kind“, klärte ich sie auf. „Sie haben ein Recht auf Abtreibung, egal aus welchen Gründen, deshalb sind Sie doch hier, ich helfe Ihnen dabei. Bis zur 12. Woche ist es vom Gesetzgeber erlaubt, dass Sie abtreiben. Die meisten Frauen müssen in ihrem Leben mal diesen Weg gehen – und heutzutage muss zum Glück keine Frau mehr dabei sterben.“ Der Ehemann stöhnte, während er aufstand, zum Fenster ging und hinaus starrte.

     

    Ich brach die Diskussion hier ab und erklärte ihr nochmals, dass es sich nicht um ein Kind handelt, sondern um Schwangerschaftsgewebe, aus dem nichts, aber auch gar nichts werden kann außerhalb des Mutterleibes. Dann nahm ich ein Stück Papier und erklärte ihr, wie einfach und reibungslos ein Abbruch vor sich geht. Ein medizinisch einwandfreier, einfacher und sicherer Eingriff. Am gleichen Tag könne sie wieder nach Hause gehen. Bis zum 50. Tag der Schwangerschaft ist es auch noch möglich, eine ihr vielleicht angenehmere Methode anzuwenden. Sie ist sanfter und wird medikamentös mit der Mifegyne vorgenommen. „Wenn Ihnen das lieber ist, Sie können noch wählen, da Sie noch in einem sehr frühen Stadium sind. Beruhigen Sie sich doch, es ist möglich, alles wieder in Ordnung zu bringen.“

    Dann ging ich zur Tür, öffnete sie und Frau H. stand prompt auf. Da fiel mir noch etwas ein: „Oh Moment noch, bitte, ich bekomme noch 10,- € von Ihnen für den Schwangerschaftstest.“ Herr H. war sichtlich erleichtert neben seine Frau getreten, zückte sein Portemonnaie und fragte, während er mir 50,- € übergab: „Woran erkennt man denn, ob es richtig ist, eine Abtreibung zu machen?“ Diese Frage wird fast immer gestellt und sie ist leicht zu beantworten: „Am deutlichsten und sichersten erkennen Sie das daran, dass Sie und auch Ihre Frau Ängste verschiedenster Art haben. Das bedeutet, dass Sie noch keinen Bezug zu dem Schwangerschaftsgewebe haben und dass noch keine Verbindung existiert – und das wiederum ist das sicherste Zeichen dafür, dass der Abbruch richtig ist. Wenn Sie schwanger sind und sich auf das Kind freuen – dann ist es falsch, eine Schwangerschaftsunterbrechung zu machen.“

     

    Frau H. und ihr Mann hörten mir fast mit offenem Mund zu (jedenfalls habe ich nach all diesen Jahren immer noch dasselbe Bild vor Augen), ich schob sie hinaus und hörte noch, wie er zu seiner Frau sagte: „Siehst Du? Jetzt hattest Du, was Du wolltest, eine kompetente Beratung, das ging ja auch alles schön schnell. Lass uns ihrem Rat folgen, wir haben ja noch keinen Bezug dazu und jetzt geht es noch ganz einfach zu machen. Sie hat gesagt, dass wir morgen früh gleich einen Termin beim Abtreibungsarzt machen sollen und dass wir es uns ja noch drei Tage lang überlegen können!“ Frau H. schluchzte kurz auf, legte dann den Arm um den Rücken ihres Mannes und nickte, „Ja, dann haben wir es hinter uns, ich habe Angst!“ Ich habe dann das Datum rückdatiert, damit sie sich nicht die ganzen drei Tage quälen müssen.

     

    Sie schrie ins Telefon, dass ich ihr Kind umgebracht hätte

    Eine Woche später rief Frau H. bei mir an. Sie schrie ins Telefon, dass ich ihr Kind umgebracht hätte, dass ich schuld sei am Tod ihres Sohnes und dass ich ihr ihr Kind wiedergeben solle. Auch das erlebte ich nicht zum ersten Mal und ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie hartnäckiger war als die anderen Frauen. Deshalb versuchte ich, Frau H. zu beruhigen, wie wir es schließlich gelernt haben. Ich reagierte wie immer kühl, damit sie sich abregte und erklärte ihr, dass sie die einzige Frau sei, die danach ein Problem habe, das könne nicht von ihrer Entscheidung selbst sein, sicher habe sie nur ein Problem mit ihrem Mann. Um das zu klären, bot ich ihr vorsichtshalber den nächsten Termin an, an dem andere Frauen, die abgetrieben haben, zu einem Gesprächskreis zusammenkamen, da würde sie sehen, dass alle ganz froh sind über ihre Entscheidung.

    Wir vermeiden in solchen Fällen immer, vom „Abbruch“ zu sprechen, stattdessen sagen wir „Ihre Entscheidung“.

    Diesen Gesprächskreis leitete eine Kollegin. Am Tag nach diesem Abend rief Frau H. wieder an! Dabei schrie sie, dass Sie mich von jetzt an nie mehr in Ruhe lassen würde, ich hätte sie zur Abtreibung überredet und dabei hat sie doch das Kind haben wollen, sie sei zu uns in die Beratung gekommen, weil der Name ‚pro familia‘ sei und sie habe erwartet, dass ich ihr beistehe, stattdessen hätte ich ihre Zweifel bestärkt, sie regelrecht zur Abtreibung überredet. Das tue ihr nun so weh und deshalb wolle sie mich mit hineinzwingen in ihren Schmerz.

    Ein halbes Jahr habe ich ihre fast täglichen Anrufe ertragen, habe versucht, mich verleugnen zu lassen, aber es gab natürlich Tage, an denen ich allein Telefondienst hatte oder an denen sie mir Zettel in den Briefkasten warf. Natürlich habe ich mit Kolleginnen und in der Supervision darüber gesprochen. Zur Antwort bekam ich, dass Frau H. sich wieder beruhigen wird und dann froh und dankbar für alles sei. Ich solle‚ das nicht so an mich ran kommen lassen‘.

    Immer hatte ich dabei den Eindruck, dass es anderen Kolleginnen auch so ging wie mir, aber sie leugneten es. Schließlich habe ich gekündigt.

     

    Zu Frau Dengler kam ich dadurch, dass ich sie eines Tages anrief, nachdem sie einen offenen Brief an alle Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstellen geschrieben hatte. Ich beschimpfte sie, dass sie schuld daran sei, dass Frauen wie Frau H. ein schlechtes Gewissen nach der Abtreibung hätten. Ich warf ihr ziemlich viel an den Kopf. Heute tut es mir leid. Am Ende haben wir die halbe Nacht telefoniert. Irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass ich dabei geheult habe. Sie gab mir einen Termin und schlug vor, dass ich ihr das alles besser ins Gesicht sagen solle. Erst wollte ich nicht hingehen, aber da das Treffen in einem Café stattfand, ging ich dann schließlich doch hin. Ich weiß, sie ist jetzt ärgerlich, wenn ich das schreibe. Am meisten macht mir zu schaffen, dass sie so unbeugsam ist, dass sie sich traut, Dinge zu formulieren, die ich mir nicht mal zu denken traue.

    Seitdem hat sich eine seltsame Art von Verbindung zwischen ihr und mir ergeben. Wenn ich bei ihr war, geht es mir wieder gut. Wenn ich alleine bin, wache ich nachts schweißgebadet auf, sehe vor mir ganze Legionen von winzigen Babys, die alle bluten, sie sind in meinem Schlafzimmer und wollen nicht weggehen. Sie rufen nach mir.

    Frau Dengler hat mir einen Vorschlag gemacht, wie ich da herauskommen kann.

    Aber dazu fehlt mir noch der Mut!

    Ilona K.